Arbeiterkind und stolz drauf

Meine Familie war nie arm oder dergleichen. Aber eben auch alles andere als vermögend.

Denn meine Eltern sind nur einfache Arbeiter. Beide sind bei einem Automobilzulieferer angestellt und bedienen dort Maschinen. Nichts, das irgendwelche besonderen Qualifikationen voraussetzt. Und eben auch keine sehr „gebildete“ Arbeit.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte damit keineswegs in irgendeiner Art und Weise den Wert ihrer Arbeit herunterspielen. Denn glaubt mir, ich weiß, wie kräftezehrend diese ist. Und ich bin dankbar dafür, wie sehr sie sich dabei aufgeopfert haben, um uns – meinem Bruder und mir – ein normales Leben zu ermöglichen.

Aber ich weiß auch, wie monoton und intellektuell unanspruchsvoll diese Arbeit ist. Dementsprechend waren meine Eltern auch nie sehr eloquent oder dergleichen.

Das war für mich in der Unter- und Mittelstufe manchmal sehr hart. Denn einerseits hat sich mein Wortschatz natürlich durch meine Lehrer, Mitschüler und Freunde sehr stark erweitert, wofür mich anfangs meine Eltern und mein Bruder immer wieder aufzogen. Schließlich kannten sie es ja nicht von mir, so zu reden.

Aber gleichzeitig war ich auch nie so sprachlich gewandt wie meine Mitschüler, die ich immer für ihre gehobenen Wörter und komplizierten Satzstrukturen beneidete. Schließlich war ich – auch, wenn Schule meine Sprache sehr beeinflusste – immer noch das Kind meiner Eltern. Und wir sprachen daheim eben etwas gröber, unförmiger, roher.

Und so lag ich sprachlich für lange Zeit eben immer in der Schwebe zwischen „Zu gehoben für meine Familie“ und „Zu bauernhaft für die Schule“ und habe mich einerseits nicht ganz als Teil dieser Schulfamilie gefühlt, aber auch eine Verbindung zu meiner Familie verloren.

Natürlich hat sich dieses merkwürdige Gefühl mit der Zeit verflüchtigt, wurde unwichtiger. Ob es daran lag, dass ich mich sprachlich weiterentwickelt und meine Eltern da ein Stück mitgezogen habe, oder dass ich mich einfach an das alles gewöhnt habe, kann ich nicht sagen. Vermutlich lag es aber an einer Mischung aus beidem.

Aber nicht nur Sprache hat mir früher zu schaffen gemacht, auch kleinere Dinge wie dass ich nie einfach so mit Freunden ins Kino, auf ein Konzert oder Essen gehen konnte. Oder wie spürbar unangenehm es meiner Mutter war, wenn sie den Elternbeirat um Unterstützung bei der Finanzierung von Schulfahrten bitten musste.

Ich denke, besonders dieser finanzielle Aspekt hat mich am nachhaltigsten beeinflusst. Denn dadurch, dass ich die Geldsorgen meiner Eltern schon von klein auf miterlebt habe, habe ich wohl irgendwann einen gewissen Geiz entwickelt. Vielleicht war es der verzweifelte und naive Versuch, zukünftige Geldsorgen dadurch ein Stück weit abzuwenden. Ich weiß es nicht. Jedenfalls bin ich wirklich nicht stolz auf diese Eigenschaft.

Aber ich habe eben auch sehr früh gelernt, selbstständig zu sein und mir vieles selbst beizubringen. Denn Hilfe konnte ich von meinen Eltern ab der vierten Klasse ungefähr einfach nicht mehr erwarten.

Nicht, weil sie es nicht wollten, sondern schlichtweg weil sie es nicht konnten. Und Geld für einen Nachhilfelehrer hatten wir sowieso nie.

Aber warum hat dieser Artikel einen so positiven Titel, wenn ich bis jetzt doch fast nur gejammert habe? Naja, früher habe ich mir selbst Vorwürfe gemacht, wieso ich nicht einfach bin wie alle anderen. Als ich wusste, was mich von anderen am Gymnasium unterscheidet, habe ich die Welt selbst auch lange Zeit dafür gehasst.

Und vor allem habe ich es gehasst, wie selbstverständlich von Lehrern ausgegangen wurde, meine Eltern hätten auch studiert oder wären zumindest in einer Führungsposition. Denn nein, das ist es nicht. Ja, der Großteil von Schülern an Gymnasien stammt aus Akademikerfamilien. Aber das heißt noch lange nicht, dass es uns Arbeiterkinder hier nicht auch gibt.

Und dieser Artikel ist meine Art zu sagen „Fuck it“. Denn nichts auf der Welt kann ändern, in welche Verhältnisse ich geboren wurde. Nichts auf der Welt kann ändern, dass ein Studium not sponsored by Mami oder Papi verflucht anstrengend sein wird. Nichts auf der Welt kann ändern, wie sehr mich das alles früher verunsichert und frustriert hat.

Aber ich kann verflucht nochmal meine Einstellung dazu ändern und stolz darauf sein, wie meine Familie riesige finanzielle Schwierigkeiten in der Vergangenheit gelöst hat – eine Erfahrung, die mir später wohl noch sehr viel nützt, die ich aber trotzdem niemandem wünsche. Ich kann stolz darauf sein, in gewisser Weise doch eher zu der Ausnahme zu gehören. Und ich kann stolz darauf sein, später zurückblicken und sagen zu können, meine gesamte akademische und berufliche Laufbahn ganz alleine bewältigt zu haben – ohne von den Beziehungen oder dem Geld meiner Eltern zu profitieren. Und das ist schon etwas verdammt Geiles.


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