Was ihr wert seid

Das hier wird ein etwas anderer Artikel. Einer, der mehr das ist, was ich vielleicht gebraucht hätte, als das, was ich schreiben möchte. Einer, den ich gerne niemals veröffentlichen würde, weil ich euch damit viel zu viel meines Herzens zeige, und bei dem ich aber doch das Gefühl habe, es tun zu müssen – vielleicht weil es Dinge gibt, die man, vor allem als junger Mensch, niemals oft genug hören kann.

Ich stelle das Wichtigste an all dem hier gleich an den Anfang:

Du, genau du, bist unendlich wertvoll.

Aber lasst mich dazu ein bisschen weiter ausholen (Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich das am allerbesten kann), und ein wenig erzählen. Schließlich ist das alles doch schon klar, oder nicht? Weiß man doch, und zwar schon längst und schon immer. Warum schreibt sie also einen Artikel darüber, jetzt, und vor allem, hier, auf dem Schulblog des IKGs? Begeben wir uns dafür erstmal auf eine Reise in die Vergangenheit…

Ein Klassenzimmer, erster Stock, der Blick aus dem Fenster sagt B-Trakt. Ungefähr dreißig wild durcheinanderredende Kinder sitzen auf ihren Plätzen, klein und doch schon so groß. Wir sind in einer sechsten Klasse am IKG, genauer, die 6c – aber die von vor einigen Jahren! Eigentlich ist gerade Reli, aber so wirklich Unterricht ist das jetzt nicht. Die Anspannung ist trotzdem fast greifbar, denn gerade geht eine mehr-oder-weniger junge Lehrerin herum und teilt die Exen aus, die sie vor einiger Zeit geschrieben haben. Sie sind, wie immer, nach dem Alphabet geordnet, deswegen ist das Vergleichen, das „was hast du?“ und „was hat die?“ Gequatsche schon in vollem Gange, als unsere Protagonistin, ein kleines Mädchen mit einem damals noch sehr langen geflochtenen Zopf, ihre Ex auch endlich, ENDLICH, bekommt. Einen Moment starrt sie auf ihr Blatt, auf die rote Zahl rechts oben in der Ecke, dann bricht sie in Tränen aus. Sie hat nur eine zwei Plus geschrieben. Es ist die erste Zwei, die sie in diesem Fach jemals bekommen hat, sie war immer und ganz selbstverständlich eine Reli-Einserschülerin, und es wird auch die letzte sein, die sie bis zur Oberstufe jemals schreiben wird – aber das weiß sie jetzt natürlich noch nicht. Jetzt, in diesem Moment, geht ihre Welt unter, weil sie es nicht geschafft hat, ihre Note zu schreiben. Sie fragt sich, ob sie überhaupt gut genug ist. Und während andere in der Klasse wegen deutlich schlechteren Noten nicht mal mit der Wimper zucken, weint sie um ihre verlorene Eins. Ihre Religionslehrerin, die dann zum Trösten kommt, wird sie an diesem Tag ganz vorsichtig fragen, ob sie denn jetzt Ärger zuhause bekomme, und das Mädchen wird überrascht den Kopf schütteln – nicht mal ihr Vater, für den sie offiziell die guten Noten schreibt, legt da so viel Wert drauf wie sie. Besser macht es das für sie natürlich nicht. Denn sie hat versagt, hat auch mit einer eigentlich guten Note viel zu sehr versagt.

Wenn wir sie durch die Jahre begleiten würden, würden wir immer wieder Situationen wie diese finden, Momente, in denen sie sich an den Zahlen aufhängt, die auf den Blättern stehen, die sie von immer wechselnden Lehrern in den unterschiedlichsten Fächern in die Hand gedrückt bekommt. Eigentlich gute Deutschaufsätze, für die sie durchaus Lob bekommt, denn schreiben konnte sie schon immer, sind ihr zu schlecht weil sie dafür nur eine zwei bekommt, sie kann sogar mit den Dingen, auf denen die Zahlen stimmen, nichtmehr zufrieden sein. Irgendwann wird sie soweit gehen, 13 Punkte (eine Eins Minus in der Oberstufe) als „schlecht“ zu betiteln.

Man muss sagen, am Ende hat sie verdammt gute Noten. Sie beginnt gerade ihre zwölfte Klasse mit einem Schnitt von 1,8, weiß aber, dass die Tendenz nach oben geht. Sie weiß, wie sie auf Klausuren lernen muss, um möglichst gut abzuschneiden, und sie tut es. Sie macht meistens im Unterricht gut mit, und wäre Mathe nicht, denn das kann sie einfach nicht, wäre ihr Schnitt um einiges höher. Sie ist schulisch eigentlich eine Musterschülerin, das kann man schon so sagen.

Und doch hat sie, mit all ihren Top-Noten, eines nie gelernt. Eines hat ihr nie jemand gesagt, und das, obwohl sie es so sehr hätte hören müssen, irgendwann. Vielleicht schon damals, in der Sechsten, bei ihrer ersten und letzten Religions-Zwei. Vielleicht im Jahr drauf, als sie an ihrem Einseraufsatz rumnörgelte. Vielleicht auch irgendwann später, als sie alles nur auf ihre 1,0 Schnitte in bestimmten Fächern gab. Aber ich bin mir fast sicher, dass es etwas geändert hätte, wenn man es ihr nur oft genug gesagt hätte:

Du bist genug – auch wenn du keine guten Noten hast.

Du bist wertvoll – und das auch ganz ohne dass du deinen Wert durch gute Zeugnisse beweisen musst.

Du darfst dir Fehler erlauben – und zwar auch, wenn darunter deine Zeugnisnote leidet.

Und, und das ist vielleicht das allerwichtigste: Diese Zahl auf diesem Papier bedeutet überhaupt gar nichts. Es ist am Ende wirklich nur das: Eine Zahl, mit Rotstift an den Rand einer Arbeit geschrieben. Sie sagt nichts über deine Leistung. Sie sagt nichts darüber, was für ein Mensch du bist. Eigentlich bedeutet sie nur, dass du gut auswendig lernen kannst, oder eben auch nicht.

Ich glaube jeder, der diesen Artikel bis hier hin gelesen hat, wird es erraten haben: Das kleine Mädchen damals war ich. Mittlerweile bin ich deutlich älter, und vielleicht ein bisschen klüger und vernünftiger. Aber noch immer weiß ich, wie leicht es ist, nur auf die Zahlen zu schauen. Und deswegen stelle ich das hier auch online, einfach mal so. Macht damit, was ihr wollt, und nehmt mit, was ihr wollt. Aber eines ist mir wichtig:

Vergesst niemals, wie wertvoll ihr seid – glaubt daran, und lasst euch diesen Glauben niemals nehmen. Denn am Ende zählt eigentlich nur, was ihr selbst von euch haltet, und ob ihr euch selbst so lieben könnt wie ihr seid. Also stelle ich euch hier eine Frage, zum Nachdenken, nur ganz für euch selbst: Was haltet ihr eigentlich von euch selbst?


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