Erinnerung

Versucht doch mal, euch an eure frühsten Kindheitserlebnisse zu erinnern. Vielleicht an einen Familienurlaub, vielleicht an euren ersten Schultag, vielleicht sogar an ein Erlebnis aus dem Kindergarten.

Schwer, nicht wahr? Und wenn doch eine Erinnerung auftaucht, ist es meistens irgendein unscharfes, dunkles Standbild, das dann auch gleich wieder verschwindet.

Wenn ihr euch aber problemlos oder an besonders viel erinnern konntet, klopft euch auf die Schulter. Denn den meisten geht es wohl so wie mir.

Und das ist auch gar nicht mal so ungewöhnlich:

Schuld daran ist die sogenannte Kindheitsamnesie, die mit ungefähr sieben Jahren einsetzt. Grob umrissen besagt diese, dass sich die meisten Erwachsenen nicht an Dinge erinnern können, die sie im Kleinkindalter erlebt haben. Sie besagt aber auch, dass wir Erfahrungen schneller vergessen je jünger wir sind – so zum Beispiel den ersten Schultag oder Erlebnisse aus dem Kindergarten.

Und wenn wir uns manchmal doch an so Frühes erinnern können, liegt es meistens daran, dass wir uns nicht an das Erlebte selbst erinnern, sondern an Erzählungen, Fotos oder Videos davon.

Um herauszufinden, ob wir uns aber vielleicht doch an das tatsächlich Erlebnis erinnern, gibt es einen einfachen Trick: Überlegt euch dazu einfach, aus welcher Perspektive ihr in eurer Erinnerung alles betrachtet. Seht ihr die Welt aus euren eigenen Augen oder blickt ihr vielleicht von außen auf euch herab?

Solltet hier Letzteres auf euch zutreffen – ihr seht alles als Dritte von außen – ist diese Erinnerung vermutlich erst später hinzugekommen.

Dabei ist das gar nicht mal die einzige Form, wie unsere Erinnerung manipuliert werden kann.

So zum Beispiel redete die Psychologin Elizabeth Loftus in einem Experiment Teilnehmern, die zuvor schon einmal im Disneyland gewesen sind, ein, sie hätten dort Bugs Bunny getroffen. Und – ihr könnt es euch vermutlich schon denken – tatsächlich konnten sich einige an eine Begegnung mit Bugs Bunny erinnern. Und das, obwohl Bugs Bunny zu Warner Brothers gehört und dieses Treffen somit unmöglich sein müsste.

In Verbindung mit einer Comicfigur mag das zwar ziemlich lustig klingen, tatsächlich steckt dahinter aber ein ernsthaftes Problem: Denn genauso wie die Teilnehmer im Experiment irgendwann selbst davon erzählten, Bugs Bunny getroffen zu haben, gestehen Unschuldige in Polizeiverhören manchmal fälschlicherweise eine Straftat. Und das nur, weil sie ihnen so lange eingeredet wurde, bis sie selbst davon überzeugt waren.

Aber auch wir selbst können unsere Erinnerung beeinflussen, ohne es überhaupt zu wollen.

Das geschieht meistens dann, wenn wir Erlebtes beim Erzählen jedes Mal ein bisschen weiter ausschmücken. Dabei merken wir selbst nicht einmal, wie wir unsere eigene Erinnerung manipulieren und sind davon überzeugt, dass es wirklich genau so passiert ist.

Dabei ist unser Gedächtnis doch etwas so Wichtiges. Denn wir sind unsere Erinnerungen. Und doch können sie so leicht manipuliert werden.

Ich muss ehrlich sagen, dass mir das ein bisschen Angst macht. Aber vielleicht gehört das auch ein Stück weit zur großen Ungewissheit des Lebens? Nicht zu wissen, ob ich mir selbst und meinen Erinnerungen noch trauen kann?

Ich weiß es nicht. Aber das muss ich auch nicht. Denn in ein paar Monaten werde ich mich sowieso nicht mehr an meine Sorgen von heute erinnern können. Und dafür bin ich meinem Gedächtnis dann doch auch sehr dankbar.


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