#JanaAusKassel

„Hallo, ich bin die Jana aus Kassel, und ich fühle mich wie Sophie Scholl“

So beginnt die Rede einer jungen, zweiundzwanzigjährigen Frau auf einer der Querdenkerbühnen, die zur Zeit wieder überall entstehen. Das Video von diesem Anfang ihrer Rede (sie wird, ich muss sagen zum Glück, schon bald unterbrochen!), in dem sie sich selbst mit Sophie Scholl vergleicht, geht gerade durch das Internet, und ich behaupte, die meisten von euch werden es mittlerweile kennen. Ich werde es euch hier weder verlinken noch es anderweitig einfügen – eigentlich hat es genug Aufmerksamkeit bekommen. Ich werde hier auch weder darauf eingehen, wie unfassbar respektlos ihr Vergleich mit dieser Ikone das Widerstands ist (für die Jüngeren unter euch: Sophie Scholl war eine Widerstandskämpferin gegen das Regime der Nationalsozialisten, welche für ihren Kampf mit dem Leben bezahlen musste), noch alles aufschreiben, was ich dieser jungen Dame gerne sagen würde (und glaubt mir, ich hätte einiges zu sagen!). Denn diese junge Frau, ein paar Jahre älter als ich, ist leider nicht alleine mit ihren Meinungen und Ansichten. Und das ist es, was mir Angst macht.

Jana, die auf ihrer Bühne steht, kann ich abtun als ein junges, naives Mädchen. Schließlich benimmt sie sich auch wie eines – und dass wir in unserer Gesellschaft Idioten haben, das war mir schon immer klar. Das, was mir Angst macht, ist, dass Menschen vor ihrer Bühne stehen, die ihr zuhören, die sie auffordern, weiterzusprechen – und zwar zu viele, denn deutschlandweit zieht es gerade Menschen zu den Kundgebungen der sogenannten Querdenker.

Ein paar Menschen, die, wie zu Beginn dieser Kundgebungen, mit sprichwörtlichen Aluhüten in Berlin am Brandenburger Tor stehen, und demonstrieren, damit Bill Gates sie nicht chippen kann, die kann ich auslachen. Angst macht mir, dass es jetzt nicht mehr die Verschwörungstheoretiker sind, die auf die Straßen gehen, sondern dass es plötzlich die „gesellschaftliche Mitte“ ist, die auf diesen Kundgebungen freiwillig neben Rechtsextremen und Reichsflaggen marschiert.

Und was mir Angst macht, ist weder Jana aus Kassel, noch sind es die Attila-Hildmann-Verschwörungsidioten. Es ist viel mehr der Bruch, der sich durch unsere Gesellschaft zu ziehen beginnt, in einer Zeit, in der zusammenhalten doch soviel wichtiger als alles andere wäre. Es sind die immer weiter verhärteten Fronten, die sich bilden, in einer Zeit, in der wir doch nach Möglichkeit zumindest emotional näher zusammenrücken sollten. Es ist der Verlust von Dialog, wo doch Gespräch so dringend nötig wäre, die rücksichtslose Kritik an Punkten, über die wir uns doch alle endlich einig sein sollten, und gleichzeitig das fehlende kritisch-hinterfragen der eigenen Meinung, wo es vielleicht angebracht wäre. Kurzum: Mir macht Angst, was diese Zeit der Unsicherheit mit uns allen, als Gesellschaft, macht, und was sie sogar hier in Deutschland auslösen kann.

Und wenn dann eine junge Frau auf einer Bühne Deutschlands sich selbst mit Sophie Scholl vergleicht, dann macht mich das vor allem unendlich traurig.

Aber diesen Artikel hier möchte ich nicht nutzen, um traurig zu sein. Denn ich finde, Trauer, Angst, Wut und Spaltung haben wir, ich, grade echt genug. Viel eher möchte ich an dieser Stelle feiern, wie schön das ist, was die Janas und Xavier Naidoos unserer Gesellschaft mit ihren Kundgebungen, Reden und Behauptungen der letzten Wochen da eigentlich immer klarer zeigen. Denn wann sah man je deutlicher, wie widerstandsfähig, offen und tolerant unsere Demokratie eigentlich ist? Wann war je deutlicher, wie weit unsere Meinungsfreiheit reicht, wie unbegrenzt sie wirklich ist? Wie frei wir hier in Deutschland eigentlich leben? Was für ein riesiges Glück wir eigentlich haben, ein so stabiles System zu haben?

Ja, ich erschrecke vor diesen Menschen, die vor lauter quer- und hin und her denken scheinbar vergessen haben, wie gradeausdenken funktioniert. Aber gleichzeitig macht es mich auch unendlich froh, dass ich so viel von ihnen höre, von den „Widerstandskämpfern“ unserer Zeit. Denn je lauter sie schreien, je lauter sie den Niedergang des Rechtsstaats beweinen, desto klarer zeigen sie aller Welt ihre, und damit auch meine, Freiheit. Je mehr sie Deutschland eine (Corona-)Diktatur nennen, in der keine Kritik mehr zugelassen wird, desto deutlicher wird sichtbar, wie stabil unsere Demokratie doch ist, wie tief verankert, denn sie kann auch all dieser lauten Kritik standhalten. Selbst in Zeiten wie diesen, in denen Zuhause bleiben, Abstand halten und Kontakte meiden die Schlagworte sind, die uns alle beschäftigen, können sie zu tausenden auf die Straße gehen und ihre Meinung äußern – und dass sie dabei so kritisch sein dürfen, wie sie sein wollen, ist eine riesige Errungenschaft.

„Hallo, ich bin die Jana aus Kassel, und ich fühle mich wie Sophie Scholl“

So beginnt die Rede der zweiundzwanzigjährigen Studentin auf einer Bühne der Querdenker. Diese Demonstration wird von einem massiven Polizeiaufgebot geschützt, was sichtbar wird, als einer ihrer eigenen Mitläufer sie beschimpft und dafür von Bundespolizisten abgeführt wird. Jana dagegen, unsere Widerstandskämpferin gegen das böse deutsche System, verlässt die Bühne freiwillig und aufgrund der Kritik unter Tränen. Das Schlimmste, was darauf folgen wird, ist wohl der Spott ihrer eigenen Generation, denn sie ist absolut sicher. Kein Regime wird sie verfolgen, niemand sie einsperren oder sogar, wie ihr selbstgewähltes historisches Vorbild, ermorden. Stattdessen wird sie nach Hause gehen, zurück in ihr privilegiertes Leben, und bald wieder auf einer Demonstration auf einer Bühne stehen – vielleicht, um uns mit ihrer nächsten respektlosen Rede wieder einmal alle daran zu erinnern, wie unbegrenzt unsere Meinungsfreiheit doch ist.


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