Auf einer Skala von 1-10

Auf einer Skala von 1-10

Ich hörte das leise Klirren der Gläser, die vor mir auf dem Tisch standen. Die Dielen der Holzhütte ächzten, das Dach knarzte. Ein heftiger Ruck ging durch die Erde und ließ die ganze Umgebung erzittern. Wenn du den Reisebericht „Zwei Inseln, zwei Welten“ gelesen hast, weißt du bereits, wovon die Rede ist. Vergangenen Sommer war ich auf Bali und erlebte hautnah mit, wie ein Erdbeben die Insel erschütterte. Aber was genau passierte dort eigentlich und was war die Ursache?

Beim Abendessen wirkte alles friedlich und ganz normal, es gab keinerlei Anzeichen für das, was sich als Nächstes ereignen würde. Entgegen der Vorstellung, dass man eine Naturkatastrophe kommen sieht, trifft es einen plötzlich und unerwartet. Das Gefühl, das man während einem Erdbeben hat, ist kaum zu beschreiben und es kommt einem nicht real vor, obwohl man ganz genau beobachten kann, was da direkt vor einem geschieht. Der Boden wackelt stark, größere Gegenstände rücken hin und her, kleinere Dinge wie Glasflaschen vibrieren und auch das Meer wird plötzlich lauter und wilder.

Vor allem im indonesischen Raum sind Erdbeben keine Seltenheit und die Einheimischen wussten sofort, was zu tun war. In Sekundenschnelle sprangen sie auf, alarmierten die Gäste mit einem lauten „Earthquake!“ und verließen fluchtartig die Hütte. Da ich mich noch nie in einer solchen Situation befunden hatte, tat ich es den Einheimischen gleich und rannte auf offene Fläche. Bei Erdbeben ist es generell wichtig, sich nicht in geschlossenen Räumen oder an überdachten Plätzen aufzuhalten. Alles, was einstürzen könnte, ist in einer solchen Situation zu vermeiden. Besonders gefährlich sind Dachziegel, die bei unserer Unterkunft ebenfalls auf den Boden stürzten. Ein Angestellter empfahl uns im Notfall, in den Pool zu springen, da das Wasser den Aufprall von herabfallenden Teilen dämpft. Nach einigen Minuten war das Beben wieder vorbei. Immer noch schockiert beobachtete ich dann, wie ein Einheimischer sofort in Richtung Meer rannte, um zu überprüfen, ob sich das Wasser zurückzog. Wäre dies der Fall gewesen, wäre die gesamte Küste und damit auch unsere Unterkunft von einer Tsunamiwelle erfasst worden. Glücklicherweise traf dies nicht ein.

Nach etwas Recherche fand ich heraus, dass das Epizentrum, der Ausgangspunkt eines Erdbebens, an der Nordküste Lomboks lag. Allgemein entstehen Erdbeben nur dort, wo zwei tektonische Platten aufeinandertreffen. In der Nähe Indonesiens liegen gleich vier solcher Platten aneinander, weshalb es dort besonders oft zu Beben kommt. In diesem Fall handelte es sich um ein destruktives, flaches Erdbeben. Das bedeutet, dass sich eine Erdplatte unter die andere schiebt, die dabei entstehende Reibung entlädt sich in einem Beben. Die Erdbebenstärke kann auf einer Skala von 1 bis 10 gemessen werden, wobei 1 am schwächsten und 10 am stärksten ist. Das Erbeben auf Lombok erreichte einen Wert von 7. Der Standort unserer Unterkunft an der östlichen Küste Balis lag nur 30 Kilometer von Lombok entfernt, deswegen spürten wir die Erschütterungen besonders stark. Das stärkste jemals gemessene Erdbeben lag bei 9,5 auf der Richterskala und löste einen 25 Meter hohen Tsunami in Chile aus. Die Plattenbewegungen bei einem Erdbeben bewirken eine plötzliche Verdrängung riesiger Wassermassen, welche sich dann auftürmen und sich als eine Tsunamiwelle in Richtung Küste bewegen. Das Lombok-Erdbeben hatte lediglich einen Tsunami von 13 cm zur Folge, doch auch ohne waren die entstandenen Schäden bereits fatal. 480 Menschen wurden getötet, rund 7.800 verletzt und 350.000 bis 417.000 Bewohner der Insel wurden obdachlos. Auch auf Bali waren die Auswirkungen der Katastrophe zu spüren, die Häuser und Tempel der Angestellten stürzten aufgrund des Bebens ein.

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Nordküste Lomboks. Markierte Stellen kennzeichnen die Epizentren. (Kreis: schwach, Quadrat: stärker, Stern: am stärksten) – Karte aus der App Earthquake

Auf das starke Erdbeben folgten noch hunderte Nachbeben, weshalb wir entschieden, eine Fluchttasche mit nur den nötigsten Dingen zu packen, sollte doch ein Tsunami ausbrechen. In dem Moment, in dem sich das Meer anfängt zurückzuziehen, bleiben einem circa 15 Minuten, in denen man versuchen sollte, sich an eine höchstmögliche Stelle zu begeben. Aus diesem Grund kundschaftete mein Vater anschließend auch die Umgebung nach Hügeln und ähnlichem aus. An Schlaf war dann sowieso kaum mehr zu denken, zudem wir die Nacht draußen am Pool verbringen mussten, da die Einsturzgefahr bei einem weiteren Erdbeben zu groß gewesen wäre. Da uns die Situation zu heikel wurde, als wir auch die nächste Nacht bei zahlreichen Erdbeben schlaflos verbrachten, beschlossen wir, frühzeitig in den Süden Balis zu reisen. Den gesamten restlichen Urlaub verfolgte uns dann eine Paranoia, dank der wir in jedem kleinsten Wackeln ein Erdbeben vermuteten. Doch trotz der Naturkatastrophe bereue ich es nicht, die Reise nach Bali angetreten zu haben, da ich so ein wunderschönes Land kennenlernen durfte.

 

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