Heimatgefühl

Heimatgefühl

Den Sommer über arbeite ich immer in einer Art Strandrestaurant am See, in dem sich besonders in den Ferien viele Touristen, unterschiedlichster Nationalitäten tummeln. Darunter natürlich hauptsächlich Deutsche, aber auch viele Schwaben, Engländer, Italiener und manchmal sogar Russen (und natürlich teilweise auch Menschen anderer Herkunft und Sprache, aber auf die eben genannten trifft man am häufigsten). Aufgrund des bunt gemischten Touristenandrangs, kommt es am Kiosk des Öfteren zu lustigen Situationen, die meist durch Verständigungsprobleme entstehen – dazu ein kleines Beispiel des vergangenen Wochenendes:
Kunde: „Hallole, an leera Kaffee bidde.“
Ich: „Wie bitte?“
K: „An leera Kaffee bidde.“
I: „Entschuldigen Sie – einen leeren Kaffee?!“
K: „A wa Mädle, schwarz! Kaffee, schwarz.“
…Oh man, peinlich. Aber woher soll ich denn auch plötzlich schwäbisch können? „Leera Kaffee?“ Da ist es mir ja viel lieber, wenn die Kunden alles auf englisch bestellen…Naja, was soll’s, wieder was gelernt.

Die ganzen angereisten Menschen zu sehen und Situationen mit Menschen zu erleben, denen man klar anmerkt, dass sie nicht von hier kommen, hat mich letztens zum Nachdenken über meine Heimat gebracht. Ich kam darauf, weil ich mir vorgestellt habe, dass jeder einzelne von den Touristen eine eigene Heimat hat und von dieser gerade ein bisschen Abstand und Abwechslung sucht. Manche von ihnen bringen einen Teil ihrer Heimat mit, egal wo sie hingehen. Der Begriff Heimat bezieht sich schließlich nicht nur auf den Herkunftsort eines Menschen. Was bedeutet Heimat eigentlich?

Das erste, was mir bei dem Begriff in den Sinn kommt, ist mein Zuhause. Der Raum, in dem ich aufgewachsen bin , Erinnerungen gesammelt und gespeichert habe und die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Meine Familie. Wenn ich an Familie denke, denke ich an Liebe, Verbundenheit, Vertrauen und Sicherheit. Egal, an welchem, möglicherweise fremden, Ort meine Eltern und Geschwister mit mir sind, ist auch immer ein bekanntes gutes Gefühl, was mir Sicherheit gibt. Ein bisschen Heimat eben. Das Stückchen Heimat, was jeder Tourist dabei hat, indem er nicht alleine verreist, sondern Familienmitglieder oder Freunde mitnimmt. Freunde machen auch einen großen Teil der persönlichen Heimat aus, denn für wirklich gute von ihnen gelten die gleichen Gefühle wie für Familie und für manche Leute, mich eingeschlossen, zählen diese Freunde dann auch als zweite Familie.
Wahrscheinlich haben die eben genannten Punkte mit den größten Einfluss auf das grundlegende Heimatgefühl, aber auch kleinere konkrete Dinge, wie mein Lieblingsessen oder mein Lieblingssong – egal, ob aktuell oder vergangen – tragen dazu bei. Wenn man beispielsweise länger als zwei Wochen im Urlaub ist, hat man nach einer Zeit meistens genug davon, Neues auszuprobieren und bestellt sich, wenn möglich, obwohl man schon wieder ein unbekanntes und vielversprechend klingendes Gericht auf der Karte gesehen hat, sein Lieblingsessen. Das hat man zwar schon 1000mal in seinem Leben gegessen, aber manchmal braucht man eben wieder dieses kurze Zuhause-Gefühl. Genauso ist es mit einem schönen – oder möglicherweise auch weniger schönen – Lied, was einen, unabhängig von seinem Standort in eine bestimmte Situation zurückversetzt. Dieses Zurückversetzen kann natürlich sowohl positive als auch negative Gedanken hervorrufen. In Bezug auf meine Heimat, entstehen dadurch bei mir aber nur positive Gefühle.
Mal abgesehen von den eher abstrakten Einflüssen, hat Heimat natürlich auch mit dem Wohnort und der weiteren Umgebung, außerhalb der heimischen vier Wände, zu tun. Ich und die meisten anderen in Landsberg, Ammersee und Umgebung haben ziemliches Glück mit unserem Wohnort. Gerade, wenn ich am See auf die ganzen Touristen treffe, wird mir klar, dass ich an einem Ort leben darf, an dem andere Menschen Urlaub machen. Urlaub, um abzuschalten, zu entspannen und die schöne Natur zu genießen. Meine Eltern sagen immer, dass wir hier in einer Seifenblasenwelt leben. Früher habe ich nicht wirklich verstanden, was damit gemeint ist, aber nachdem ich mittlerweile andere Orte der Welt gesehen habe, weiß ich meine Heimat mehr zu schätzen und fühle mich dementsprechend wohl. Natürlich gibt es noch unzählig viele schöne Gegenden, in denen man sich kaum unwohl fühlen kann, aber auf der anderen Seite gibt es eben auch viele unschöne, von Leid belastete Stellen auf der Erde. Nur, weil man vielleicht nicht das Privileg hatte, in einer Seifenblase bzw. einfach an einem relativ sorglosen Ort aufzuwachsen und zu leben, heißt das nicht automatisch, dass man sich in seiner Heimat weniger wohlfühlt. Heimat bezieht sich denke ich auch immer auf den aktuellen Wohnort und den Herkunftsort. Der Ort, in dem man geboren wurde, vielleicht die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat und an den man jederzeit zurückkehren kann und sich angenommen fühlt. Diese ursprüngliche Heimat trägt jeder Mensch irgendwie in sich bzw. nimmt sie überall mit hin. So fühlt man sich zum Beispiel in einem fremdsprachigen Land auch ab und zu Zuhause, wenn man, was früher oder später fast immer vorkommt, auf andere Deutsche trifft.

Es gibt noch so viel mehr, was man dem Wort „Heimatgefühl“ zuschreiben könnte, allerdings würden die Aufzählungen dann wahrscheinlich ins Unendliche gehen. Sowieso zählen für jeden individuell andere Dinge zu dem Gefühl dazu, aber allgemein würde ich sagen, dass Heimat immer da ist, wo man sich ganz einfach wohlfühlt, seine Familie und/oder Freunde um sich hat, man selbst sein kann und Sicherheit verspürt.
Vielleicht scheint es ein bisschen merkwürdig, dass ich durch so eine banale Kiosk-Situation zu diesen Gedanken über Heimat kam, aber eigentlich ist es ganz schön, sich die Frage bzw. die Antwort, die man danach schließt, mal vor Augen zu führen.

Was bedeutet Heimat für euch?
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